Kanonbildung

Die an Hochschulen vermittelten Erkenntnisse präsentieren sich oft als neutral und objektiv. Es gibt tradierte Übereinkünfte darüber, was für die einzelne Disziplin oder Ausbildung als grundlegend angesehen wird. Diese Schriften oder Werke gelten aus diesem Grund orts- und personenunabhängig als verbindlich für Lehre und Unterricht und bilden den so genannten Kanon. 

Welche Schriften und Werke in einer Disziplin als ‘kanonisch› gelten, entwickelt sich über längere Zeiträume hinweg und erfordert die gegenseitige Anerkennung innerhalb der jeweiligen Fachgemeinschaften.

Ein Kanon ist daher immer das Produkt von Diskursen, die ihn hervorbringen und es spiegeln sich in ihm die dominierenden Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft. Wissenschaftliches, auch methodisch generiertes Wissen, ist daher zeit- und gesellschaftsabhängig situiert und verändert sich im Laufe der Zeit.

Kritische Auseinandersetzung mit dem Wissenskanon

Eine kritische Auseinandersetzung mit dem etablierten Wissenskanon ist wichtig. Dies bedeutet nicht, dass marginalisiertes Wissen für allgemeingültig erklärt wird. Folgende Fragen können einen kritischen Umgang mit dem Wissenskanon begleiten:

  • Werden zur Kritik am Kanon selbst wieder kanonische Texte verwendet?
  • Gibt es theoretische oder methodische Ansätze, die das Phänomen anders erklären könnten?
  • Welche Grenzen haben die Erkenntnisse des Kanons?
  • Unter welchen Bedingungen verlieren die Erkenntnisse des Kanons ihre Gültigkeit?

Im Bereich ‘Praxis_Stimmen’ werden Ansätze besprochen, wie Wissenskanons aktiv bearbeitet werden können.

«Jedes Fach hat seinen Kanon, aber jeder Kanon muss wie die Sprache auch permanent bearbeitet werden. Also wir machen den Kanon zum Kanon.»
Dozentin, Universität

«Also ich glaube, jedes Fach hat seinen Kanon, aber jeder Kanon muss ja auch wie die Sprache permanent bearbeitet werden. Weil wir machen den Kanon zum Kanon. Und was wir sagen – kanonisch machen – das wird auch als solches angesehen in der Hochschullehre. Also ich meine, wir sind ja an der Uni. Das heisst, wir setzen ja auch diese Normen mit und darüber muss man sich doch im Klaren sein.»

Differenzsensible Gestaltung von Lehrplänen

Eine differenzsensible Gestaltung von Lehrplänen an Schweizer Hochschulen erfordert eine kritische Vorgehensweise:

  • Hierarchisierung von Wissen: Welches Wissen wird als allgemeingültig betrachtet und präsentiert? Welches als partikular, marginal markiert?
  • Repräsentation von Autor*innen: Welche Autor*innen und Perspektiven werden in den Lehrmaterialien berücksichtigt?
  • Daten und deren Interpretation: Wer sammelt und interpretiert welche Daten? Für welche Zielgruppen?
  • Sichtbarkeit sozialer Gruppen: Welche sozialen Gruppen werden in den Lehrmaterialien dargestellt und welche nicht?
  • Vielfalt der Perspektiven: Kommen neben dominanten Theorien auch alternative Perspektiven und kritische Auseinandersetzungen vor?

All diese Fragen können auch gemeinsam mit den Studierenden reflektiert werden. Wenn die Studierenden ihre eigenen Texte einbringen, kann dies zu interessanten Diskussionen und Erkenntnissen führen. Zudem hilft die explizite machtkritische Reflexion dabei, normierende Inhalte und Ausschlüsse zu besprechen und kritisch einzuordnen.

«Aber auch da kann man immer wieder drauf hinweisen, wie gewisse Erzählungen einen Bias haben. Ich denke, das ist eine wichtige Möglichkeit, dass man sich immer wieder bewusst wird, wer schreibt, was da gelesen wird.»
Dozent, Universität

«Also in der Methodenlehre ist das schon sehr viel klassischer, auch da kann man immer wieder darauf hinweisen, wie gewisse Erzählungen auch einen Bias haben. Wer als Vorreiter in bestimmten Sachen genannt wird, das kann man ja auch thematisieren, oder? Auch wenn man einen Text liest, der aus (einer bestimmten) Perspektive geschrieben wird. Ich denke, das ist eine wichtige Möglichkeit, dass man sich immer wieder bewusst wird, wer da schreibt, was da gelesen wird und mit welchen Anliegen, oder mit welcher Idee geschrieben wird.»

«Ganz viele Bücher mussten wir lesen. Und eins der Bücher, das habe ich angefangen und ich musste es wirklich auf die Seite legen…»
Student*in, Pädagogische Hochschule

«Es gibt bestimmte Texte, die müssen wir lesen. (Teilweise) konnten wir auswählen zwischen (diesem) und (jenem) Text. Aber ganz viele Bücher mussten wir lesen. Und eins der Bücher, das hab ich angefangen und ich musste es wirklich auf die Seite legen. Und ich muss mir jetzt überlegen, wie ich das machen möchte. Aber das Buch ist so krass sexistisch. Und wäre es zumindest das Thema vom Seminar, von der Arbeit…, wäre das Thema so ‹hey, wir schauen uns jetzt problematische Bücher an und diskutieren das›, so könnte ich mindestens mit einem guten Gewissen das Buch lesen und nachher… alles dazu loswerden. Aber es ist eine mündliche Prüfung von zehn Minuten, wo es um komplett was anderes geht. Und in diesen zehn Minuten wird es eh keinen Platz geben, das anzusprechen. Das weiss ich jetzt schon. Und ich weiss jetzt schon, dass ich die Arbeit leisten muss, indem ich das Buch mit allen Stellen, die problematisch sind, markiere und dann eine Mail darüber verfasse und das nachher der Institutsleitung schicke. Mit der Bitte, ‹hey, schaut euch das doch mal an. Überlegt euch doch mal…, vielleicht gäbe es bessere Bücher zum lesen›.»

«Es gibt auch Dozierende, die zum Beispiel nachfragen, ob wir Texte einbringen möchten.»
Studentin, Universität

«Ja, es gibt Dozierende, die erklären, weshalb die Texte eher alt, weiss, männlich oder aus dem globalen Norden sind. Ich nehme es (aber) mehr so wahr wie eine Erklärung (im Sinne von): ‹Das müssen wir halt. Das ist so vorgegeben›. Das finde ich sehr schade, weil (damit) eigentlich gezeigt wird, dass uns diese Problematik bewusst ist, aber wir nichts dagegen machen – oder noch nicht. Es gibt aber auch Dozierende, die zum Beispiel nachfragen, ob wir Texte einbringen möchten. Manchmal machen sie bei Moodle – das ist unsere Studienplattform – so eine Application, wo die Studierenden eigene Texte hochladen können, die interessant sind, die passen könnten. Das finde ich noch schön.»

Reflexionsfragen

  • Nach welchen Kriterien und Bewertungsmassstäben stelle ich die Texte meiner Lehrveranstaltungen zusammen?
  • Welchen Stellenwert nimmt die Reflexion über die Situiertheit von Wissensproduktion und Forschungsergebnissen bisher in meiner Lehre ein?
  • Wie kann ich in meiner Lehre Machtverhältnisse bei der Bildung des Wissenskanons explizit thematisieren und kritisch reflektieren?
  • Welche gesellschaftlichen Interessen werden durch den Wissenskanon bedient?

Weiterführende Materialien

Webseiten

Literatur

  • Boger, Mai-Anh, Castro Varela, María do Mar (2021). Was ist postkoloniale Bildung (überhaupt)? In: Grünheid, Irina, Nikolenko, Anna, Schmidt, Bozzi (Hrsg.). Bildung – Für alle?! (S.120-123). Dresden: Landesarbeitsgemeinschaft politisch-kulturelle Bildung Sachsen e. V. https://doi.org/10.25366/2021.48
  • Poppenhagen, Nadine, Dung, Leonard, Arnold, Norbert (2017). Ist ein Bildungskanon noch zeitgemäss? In: Analysen & Argumente, Ausgabe 244. Berlin: Konrad Adenauer Stiftung. (Link zum Download)

Weiter mit…

Alternative Wissensformen

×